An Tultschino, einem im jüdischen Siedlungsgebiet verlorenen Städtchen,
huschen täglich Züge vorbei. Das Provinzstädtchen ist so
klein, dass man es vergeblich auf großen Karten der Sowjetunion suchen
würde. Und es wäre wohl naiv zu glauben, dass man in dieser tiefsten
Provinz sein Glück finden kann.
In Tultschino glaubt es auch niemand. Immer wieder ertönt unter der
russisch-jüdisch-ukrainischen Bevölkerung der Stadt der Aufruf
aus dem Tschechowschen Drama: „Nach Moskau! Nach Moskau!“.
Jeder in Tultschino träumt von einem Ausbruch aus der Einöde
und Armut in diese gelobte Stadt. Und niemand will dem erfahrenen Mejer
Wolf Glauben schenken, wenn er sagt, dass es kein gelobtes Land auf dieser
Welt gibt; dass die Klagemauer nichts als eine alte Mauer ist und dass
sich der Mensch nicht dort wohl fühlt, wenn er frei und satt sein
kann, sondern nur in der Nähe von Menschen, die ihn lieben.
Mejer Wolf hofft vergeblich darauf, sich beim Lagerverwalter Abram Schwarz
Gehör zu verschaffen. Der gewiefte, aber auch rührend naive Schwarz
glaubt an etwas anderes: dass sein Sohn David den Durchbruch durch die
undurchdringliche Mauer von Zügen schafft, die stets zu einem fremden
Glück unterwegs sind.
Er wird David dazu zwingen, viele Stunden täglich den Geigenbogen
zu bewegen, er wird versuchen, seinen Hass auf die Ausweglosigkeit von
Tultschino in seinen Sohn hineinzuprügeln, und schließlich wird
er Davids großen Erfolg erleben. Er wird David so erfolgreich sehen,
wie er es selbst vor langer Zeit aufgegeben hat zu träumen.
Als bester Student der Moskauer Musikhochschule träumt David Schwarz auch vom großen Durchbruch. Doch dabei möchte er das Vorbeirauschen der Züge aus seiner Kindheit für immer vergessen. Er möchte sich, seine Freunde und Tanja, ein Mädchen, das in seiner Nachbarschaft aufgewachsen ist, davon überzeugen, dass er die Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen hat. Sein Leben begann erst vor drei Jahren, als er aus dem Zug an einem Bahnhof der festlichen Hauptstadt ausstieg. Und ganz fehl am Platz ist in diesem neuen Leben der alte Abram Schwarz, der mit seiner Unbeholfenheit die beginnende glanzvolle Karriere zerstören könnte.
…Doch der alte Mejer Wolf hat recht: es gibt kein gelobtes Land
auf der Welt, und der Erfolg bringt kein Glück, wenn man sich dafür
von der eigenen Vergangenheit lossagen muss. Und wirklich glücklich
ist man nur unter Menschen, die einen lieben…