Vater und Sohn leben seit vielen Jahren in einer Dachwohnung irgendwo in
einer Stadt im Norden, eingesponnen in eine Welt aus Erinnerungen, Ritualen
und gegenseitiger Fürsorge. Beide versuchen in ein eigenes Leben aufzubrechen.
Doch es fällt ihnen unendlich schwer, sich voneinander zu lösen.
In wenigen, konzentrierten Szenen und Bildern von traumhafter Tiefe und Schönheit
beleuchtet Alexander Sokurow die Innenwelt einer märchenhaft strahlenden
Beziehung, deren Auflösung schmerzhaft und befreiend sein wird.
„
Vater und Sohn“, der zweite Teil von Sokurows Familientrilogie, wurde
in Lissabon und St. Petersburg gedreht. Die Kamera führte Sokurows langjähriger
Weggefährte Alexander Burow, für die Art Direction wurde Natalia
Kochergina mit dem Preis der Russischen Filmkritik ausgezeichnet.
Alexandra Tuchinskaya über „Vater und Sohn“
„
Vater und Sohn“ ist der zweite Teil von Alexander Sokurows Filmtrilogie über
das Drama menschlicher Beziehungen. Wie im ersten Teil, „Mutter und
Sohn“, hat Sokurow die Form einer Parabel gewählt, die weder
einen Anfang noch ein Ende, die weder eindeutige zeitliche noch topographische
Bezüge hat. Der Zuschauer hat alle Freiheit, sich in der Zeit und
den Orten dieses Films zu verlieren.
Dies geschieht z.B. dem Sohn in der Traumsequenz, als er sich in einem
gleichzeitig vertrauten und seltsamen Wald wiederfindet. Ein Soldat in
moderner Uniform ist umgeben von Frauen, deren Frisuren und Kleidung aus
den 40er, 50er und 60er Jahren stammen. Die Dächer und schmalen Straßen
einer alten Stadt im Norden erstrahlen unter einer gleißenden südlichen
Sonne. Fast unmerklich fließt der Film durch eine Reihe von interieurs,
die konventionell, aber nicht charakteristisch sind. Ein Tisch, ein Bett,
Blumen. Die Insignien menschlichen Wohnens tragen etwas Symbolhaftes in
sich.
Auch die Gesichter der Menschen im Film sind auffallend gekennzeichnet
durch ihre Heutigkeit. Vater und Sohn, die Hauptrollen, werden von nichtprofessionellen
Darstellern gespielt.
Ein Sohn ohne Mutter, der ganz in der Liebe seines Vaters aufwächst,
von der Wiege an bis zum Aufbruch ins eigene Leben. Nun erwartet ihn das
unabhängige Leben eines jungen Mannes, der zu fernen Horizonten aufbrechen
könnte. Seine Freundin verlässt ihn wegen eines anderen. Er ist
hin und her gerissen zwischen seiner Faszination für die vergangene
Laufbahn des Vaters und der Erfahrung einer unglücklichen Liebe. Dieser
Zwiespalt bleibt ungelöst. Die Sorgen des Sohnes erreichen das Universum
des noch jungen Vaters und zerreißen den Kokon, in dem sich beide
eingesponnen haben. Von nun an werden Vater und Sohn, jeder für sich,
ihr eigenes Leben haben – und sich irgendwann in der Zukunft wiederfinden.
Zur Zeit arbeitet Alexander Sokurow am letzten Teil der Trilogie, „Zwei
Brüder und eine Schwester“.
(Alexandra Tuchinskaya)