Der Grund, warum sich viele Leute fragen, wie es um die Filmkunst in Russland
bestellt ist, liegt in der Tatsache begründet, dass die Filmkunsttradition
gerade in Russland eine große Vergangenheit hat. In den zwanziger Jahren – den
Jahren der Poesie Vertovs, Ejzenstejns, Pudovkins, Dovchenkos – wurde
das Kino in Theorie gefasst, analysiert und mit bedeutenden Ergebnissen produziert.
Ohne allzu sehr ins Detail bezüglich des Warum dieses Phänomens
zu gehen, das sicherlich mit dem revolutionären Schub zusammenhängt,
der den Weg für viele Künste frei gemacht hat, ist es interessant
zu bemerken, dass das Auge des russischen Regisseurs ein präzises Wissen
von dem Prozess des historischen Materialismus der Zeit, eine tiefe Kenntnis
der Verbindung Leben/ Kino besaß. Diese unauflösliche Verbindung
zwischen Geschichtsbewusstsein und dem Mut, die Geschichte selbst zu bestimmen
(es brach eine soziale Revolution aus, die die Ambition hatte, neue bessere
Perspektiven für die Menschheit zu eröffnen) hat die Geburt des
russischen Kinos geprägt. Danach liefen die Dinge anders. Die Antwort
auf die Revolution und den futuristischen Auftritt eines Majakovskijs war
die Bürokratie und die Repression der dreißiger Jahre. Auf Lenin
folgte Stalin. Das Kino hatte seine poetische Phase beendet um in einer rhetorischen
Prosa gezähmt zu werden, aus der es für lange Zeit nicht mehr herauskommen
sollte. Um mir einen Vergleich zu erlauben, möchte ich unterstreichen,
dass, wenn im Film des italienischen oder deutschen Faschismus unter den
vielen schädlichen Dingen jegliche Bezugnahme auf die Politik unterdrückt
wurde, wie es auch in den täglichen italienischen Fernsehnachrichten
von Berlusconi wird, hatte der sozialistische Realismus als unheilvolles
Schicksal, die Wahrheit, nach der es immer für das Leid eine Erklärung
und folglich eine Lösung gibt, rhetorisch werden zu lassen. Und die
sozialistische Rhetorik wurde ein Muster von von vornherein festgesetzten
Gedanken, wurde Scheuklappen, die die Augen des Regisseurs verdeckten. Indem
es simples Instrument der Ideologie wurde, starb das Kino der zwanziger Jahre.
Trotz dieser oder gegen diese Tradition (was letztlich dasselbe ist) konnten
in Folge ebenfalls große Regisseure entstehen: nicht nur Romm und Gerasimov,
sondern auch Tarkovskij, German und der Georgier Paragianov, um nur die berühmtesten
zu nennen. Um die Filme des russischen Kinos zu sehen, ist es folglich wichtig
zu wissen, woher das russische Kino stammt, aus welcher Vergangenheit, aus
welcher Tradition. Und heute kann es traurig machen die russischen Filme,
mit Ausnahme einiger weniger, zu sehen. Es gibt, was den Blick auf die Geschichte
betrifft, viel Unreife, und es fehlt jene filmkünstlerische Frische,
die die Erzählung aus dem kommerziellen Stereotyp zu einem poetischen
Akt emporhebt. Kurz gefasst, fehlen Filmemacher, die mutig auf die Geschichte
mit dem Mut blicken, mit dem man die Gunst der Macht verweigert.
Das, was uns die Kinogeschichte, aber die des großen Kinos und nicht
nur des russischen lehrt, ist, dass die Filmkunst die Poesie der Geschichte
ist, der Realität und an sich die subversivste für die Allgemeinheit
unter den Künsten. Im Kino lesen wir die Gedanken des Filmemachers,
seine Lebensvision, wir leben seine unausdrückbaren, die intimsten Gefühle
zwischen den Zeilen, wir verrücken unsere in uns schlummernde Bilder
und lassen sie in einem Dialog mit der Welt, in die der Filmemacher uns einlädt
einzutreten, erblühen. Das heißt tiefer in der Realität verankert
zu leben, und zwar durch die rekonstruierte Realität der Montage. Das
kann sehr gefährlich sein.
Die Frage, wie es um das russische Kino bestellt ist, ist also die Frage
nach neuen Ideen, welche neuen Visionen aus Russland kommen. Aber die Frage
nach dem russischen Kino ist auch die Frage danach, wie es um Russland bestellt
ist und insbesondere nach dem Bewusstsein, das die Russen von ihrem eigenen
Schicksal und unserer aller haben. Wahrscheinlich braucht es noch Zeit, bevor
das Kino es schafft zu einer Reife zurückzukehren, wie sie die Realität
verlangt um erzählt zu werden. In diesem Moment warten wir alle mit
großer Ungeduld.